Lorenz Lynhard: "Nur ein Spiel"

Kapitel 1: Berlin-Kreuzberg

An einem ruhigen, spätsommerlich-sonnigen und eigentlich ganz gewöhnlichen Tag stand Philipp vor dem verwinkelten zweistöckigen Backsteinbau, der mit seinen Giebeln, Schornsteinen und dem großen Garten am Kanal nicht so recht nach Kreuzberg 36 passen wollte. Das schwarz gedeckte Dach und die schwarzen Klinker, die die Fenster rahmten und in horizontalen Linien die Fassade gliederten, standen im Kontrast zu den das Haus prägenden roten Ziegelsteinen. Drei durch ein spitzgedecktes Vordach geschützte Stufen führten zum Eingang an der linken Hausseite hinauf. Philipp war schon früher an dem damals leer stehenden Gebäude vorbeigekommen und hatte eigentlich gedacht, dass hier nach umfangreicher Renovierung eine Stiftung eingezogen sei.

Nachdem er noch einmal die Adresse verglichen hatte, drückte er die namenlose Klingel am Vorgartentor. Kurz darauf stand eine gut gelaunte Astrid in der Tür.

„Hallo Philipp! Das Tor ist offen. Du kannst dein Fahrrad in den Garten stellen.“

Philipp tat wie geheißen und wollte gerade sein wertvolles Rad am Treppengeländer anschließen, als ihm Astrid zurief: „Das ist nicht nötig. Hier kommt kein Dieb rein.“

Dein Wort in Gottes Ohr, dachte er sich und nahm schwungvoll die wenigen Treppenstufen.

Astrid gab ihm die Hand und schaute ihm dabei munter in die Augen. „Ich hab’ zur Feier des Tages Zwetschgenkuchen gebacken!“

Philipp hatte heute bisher nur, wenn auch spät, gefrühstückt, liebte Zwetschgenkuchen und entspannte sich in Erwartung eines gutbürgerlichen Kaffee-und-Kuchens im sonnigen Garten. Seine Gastgeberin führte ihn durch den kleinen Flur und den hellen, sparsam und geschmackvoll mit Art-deco- und klassischen Design-Möbeln eingerichteten Salon auf die mit Terrakotta geflieste Terrasse in den Garten. Schon das großzügige und geschmackvolle Innere des Hauses hatte ihn beeindruckt, der Garten aber überwältigte ihn: Eine übermannshohe, Oleanderhecke in voller Blüte grenzte links zum benachbarten Park. Vor ihr blaue Lavendelbüsche. Rechts und geradeaus wuchsen aus der tadellosen Rasenfläche große Agaven malerisch vor dem Kanal, der an dieser Stelle das Grundstück an zwei Seiten umfloss. Ein Kiesweg führte halblinks zu einer Anlegestelle, an der, von den Oleanderbüschen fast vollständig verdeckt, ein kleines Motorboot lag. Rechts vorne, wo das Grundstück von der Biegung des Kanals begrenzt wurde, stand zwischen blühenden Rosen und durch einen Kiesweg mit der Terrasse verbunden eine Robinienholzbank mit rundem Tisch und Blick aufs Wasser. Der Übergang von der hausbreiten Terrasse zum Rasen wurde durch zwei große Zitronenbäume flankiert. Sonnenschein und spätsommerliche Temperaturen verstärkten den Eindruck einer mediterranen Oase, die nicht recht nach Berlin passen wollte.

Philipps Aufmerksamkeit wurde von einem etwa zwei Meter hohen Brunnen in der Mitte der Rasenfläche angezogen, dessen Wasser sich aus einer flachen ovalen Marmorschale in eine zweite, etwas größere und schließlich in die wiederum größere dritte ergoss.

„Und jede nimmt und gibt zugleich – und strömt und ruht“, zitierte Astrid Conrad Ferdinand Meyer. „Die Nachbildung eines Brunnens aus der Villa Borghese in Rom. Ist er nicht wunderschön?“

Philipp war begeistert – und verwundert. Er hatte in Berlin weder römische Brunnen noch Agaven in dieser Größe und Oleander nur in Kübeln gesehen.

„Und die riesigen Oleanderbüsche, Zitronen und Agaven, gräbst du die demnächst alle aus? Und wo lässt du sie überwintern?“ fragte er leicht irritiert.

„Wieso ausgraben? Die stehen doch da sehr schön.“

Philipp dachte, dass sie sich über ihn lustig machen würde. Als er jedoch ihren ernsten Gesichtsausdruck sah, gab er zu bedenken: „Ja schon, aber im Winter ist es doch viel zu kalt!“

„Na ja“, antwortete Astrid zögernd und verlegen, „hier herrscht halt ein besonders mildes Mikroklima, wohl durch den Fluss.“

„Bei minus zwanzig Grad und einem tief zugefrorenen Kanal dürfte selbst dein Mikroklima diese Pflanzen nicht retten.“

Astrid wirkte ein wenig ungeduldig. „Du siehst ja, dass sie hier stehen, und erkennst offenbar mit fachmännischem Blick, dass ich sie nicht erst in diesem Frühjahr gepflanzt habe. – Genieß doch einfach die für diese Stadt außergewöhnliche Schönheit meines kleinen Gartens, setz dich auf einen Stuhl in die Sonne und iss ein Stück Zwetschgenkuchen,“ forderte sie Philipp dann freundlich auf.

Also genoss er ohne weitere Fragen Sonne, Ruhe und Schönheit des Gartens und den außergewöhnlich guten Kuchen.

„Kann ich mir den Garten näher anschauen?“ fragte er schließlich neugierig.

„Ja sicher – mein ganzer Stolz! Kennst du die Pflanze da vorne?“ Sie wies auf einen etwa zwei Meter hohen Baum mit breitkugeliger Krone, kleinen dunkelgrünen Blättern und rauer, rissiger Rinde, der vor der Oleanderhecke nahe dem Wasser stand.

Philipp trat näher, fühlte die kleinen Dornen und betrachtete die gelben, taubeneigroßen Früchte, konnte sich aber nicht erinnern, je einen solchen Baum gesehen zu haben. Er schüttelte den Kopf.

„Argania spinosa, eine uralte, wahrscheinlich die älteste Baumart der Erde, die heute nur noch in Südmarokko wächst. Aus ihren Kernen wird aufwändig ein kostbares Öl gewonnen. Die Wurzeln können bis zu fünfzig Meter in die Tiefe reichen, was sie hier aber wegen des hohen Grundwasserspiegels natürlich nicht müssen. Diesen Baum habe ich aus einem Kern gezogen. Ich bringe mir von meinen Reisen immer wieder Samen oder Stecklinge mit. Der Drachenbaum hier stammt von Teneriffa, die Agaven dort drüben von Kreta, die Aloe vera von La Palma. Auch die Oleander habe ich aus Stecklingen gezogen“, erläuterte sie stolz. „So pflege ich Erinnerungen an viele meiner Reisen und ein bisschen Süden in Berlin.“

Zurück auf die Terrasse nahm sich Philipp noch ein Stück Kuchen, das er genüsslich verzehrte. Astrid aber schwieg und weilte einige Minuten gedankenverloren in der Ferne, bevor sie sich wieder ihrem Gast zuwandte. Nun wirkte sie gar nicht mehr entspannt, sondern beugte sich auf der Kante ihres Gartenstuhls sitzend leicht nach vorne, strich sich eine Strähne aus der Stirn und schaute Philipp mit ihren dunklen, unergründlichen Augen offen und zugleich unsicher an.

„Philipp, du wunderst dich vielleicht über das eine oder andere in meiner Umgebung?“

Der hatte eigentlich beschlossen, sich nicht mehr zu wundern, sondern nur zu genießen, und gerade einen Bissen Kuchen zufrieden in den Mund geschoben. Leicht verdutzt schaute er sie fragend an und vergaß, zu kauen.

„Ich weiß nicht, wie ich es dir erklären soll“, fuhr sie stockend fort. „Ich kann dir vertrauen?“ Es klang halb nach einer Frage, halb nach einer Feststellung.

„Mmhmm.“ Philipp nickte langsam, immer noch den Kuchen im Mund. Er legte die Gabel vorsichtig auf den Teller und begann, langsam zu kauen.

„Nun“, setzte Astrid an, „ich verfüge über Kräfte – wie soll ich es sagen – besondere Kräfte.“

Philipp fühlte sich durch ihren unsicheren und etwas hilflosen Versuch eines Bekenntnisses an sein eigenes Coming-out erinnert, wusste jedoch nicht, wie er hier helfen konnte.

Seine Gastgeberin erkannte, dass sie deutlicher werden musste: „Ich verfüge über magische Kräfte.“

Jetzt hatte er verstanden, wenn er auch nicht wusste, was. Der Bissen wäre ihm fast im Halse stecken geblieben. Er saß im Garten einer Magierin! Dabei war ihm vor einer Woche, als er Astrid Kennen lernte, alles ganz normal erschienen – na ja, fast normal.

Damals trank er seinen Kaffee gedankenverloren im Scheunenviertel, in einem Hof zwischen zwei kleinen Straßen, in dem selbst im Hochsommer die Sonne nur mittags einen kleinen Fleck des Pflasters beschien. Philipp mochte dieses sympathische, versteckte Café in der Nähe seiner Wohnung im Zentrum der Stadt besonders wegen des eher jungen Publikums und der Mischung aus Berlinern und Touristen, die gezielt und nie zufällig hierher kamen.

Es war spät nachmittags und für einen Septembertag in Berlin sehr warm. Philipp rührte etwas selbstmitleidig in seinem Kaffee und hatte das Gefühl, für eine Partnerschaft, nach der er sich sehnte, vielleicht doch nicht geschaffen zu sein. Gab es seine zweite Hälfte gar nicht? Oder liebte er seine Freiheit einfach zu sehr? Partnerschaften waren immer kompliziert, mit all ihren Kompromissen und Rücksichtnahmen. Andererseits: was verstand er überhaupt davon? Sein Beziehungsrekord lag bei sechs Wochen. Lange hatte er sein Schwulsein verdrängen wollen, mit niemandem darüber gesprochen und keine wirklichen Freunde gehabt. Er sah sich zwar gern als Lebenskünstler, als Spieler, aber gewonnen hatte er in dieser bunten Stadt noch nicht, obwohl er doch schon fast ein ganzes Jahr hier lebte. Auch Jan, den er vor ein paar Tagen Kennen gelernt hatte, meldete sich nicht. Vielleicht hätte er sogar seine große Liebe werden können? Bei dieser Erinnerung zog Philipp zweifelnd und ein wenig beleidigt die Mundwinkel herunter, bevor er einen kleinen Schluck aus seiner Tasse trank.

„Liebeskummer?“ schreckte ihn plötzlich die Stimme einer Frau aus den Gedanken. Er schaute sie nur etwas entgeistert an, ohne ein Wort zu sagen. Sie war vielleicht Mitte, Ende vierzig, eher groß, nicht klassisch schön, doch sehr attraktiv. Ihr geschmackvolles, wenn auch nicht modisches, mittellanges schwarzes Kleid betonte die schlanke Figur. Die dunklen, schulterlang-gelockten Haare trug sie offen und eine kurze Kette grauer Perlen um den Hals. Philipp hatte sie schon ein paar mal hier gesehen, meist lesend. Sie wirkte angenehm und interessant, eine charismatische Frau mit einer auffällig guten Haltung, deren elegante Kleidung und Erscheinung aus dem eher formlosen Rahmen der anderen Gäste fielen.

Jetzt blickte sie ihn offen an, und zum ersten Mal bemerkte er ihre großen braunen, sehr schönen Augen. Ihr einladender Blick nahm ihn auf und versprach eine unbestimmte Geborgenheit.

„Darf ich mich setzen?“

Obwohl er sah, dass im Hof noch zwei Tische frei waren, lud er sie mit einem verdutzten „Bitte“ ein.

„Meldet er sich nicht?“ setzte sie das Gespräch einseitig fort. Philipp war irritiert. Er mochte es ohnehin nicht besonders, wenn man in sein Leben platzte: Freunde, die plötzlich vor der Tür standen, und manchmal selbst das ungebetene Klingeln des Telefons. Und nun diese Fragen einer fremden, sonderbaren, wenn auch sympathischen Frau an seinem Tisch. Was ging sie es an, ob er sich gemeldet hatte? Woher wusste sie überhaupt von ihm?

Nach der ersten Empörung wurde ihm etwas unheimlich und er antwortete stockend: „Nein – das heißt – ich möchte, glaube ich, nicht darüber sprechen.“

„Natürlich, kein Problem“, beschwichtigte sie und wandte sich dann zum vorbei eilenden Kellner: „Ich möchte bitte auch einen Capuccino.“

„Das hier ist aber ein Milchkaffee“, korrigierte sie Philipp.

„Wenn du das sagst. In Italien gibt es Espresso und Capuccino. Warum machen wir das hier so kompliziert?“

„In Italien wird der Capuccino auch nicht in so riesigen Schalen serviert. Dort ist es zu warm für große Mengen heißer Milch mit etwas Kaffee“, lachte Philipp. „Ein Capuccino ist in Berlin meistens kleiner als ein Milchkaffee.“

Sie tranken also ihre Milchkaffees und plauderten über Belanglosigkeiten. Doch schon bald verabschiedete sich die Frau, fast so schnell, wie sie erschienen war: „Komm mich doch mal besuchen, wenn du Lust hast. Mein Garten wird dir gefallen.“ Sie notierte ihre Telefonnummer auf einen Bierdeckel. „Ich heiße übrigens Astrid – steht auch auf dem Deckel.“

„Philipp“, antwortete er überrascht, nahm den Deckel und nickte ihr zu.

Er saß noch eine Weile nachdenklich vor seiner leeren Tasse, bevor er den Bierdeckel in seinen Rucksack steckte, zahlte und mit dem Fahrrad nach Hause fuhr.

In seinem kleinen Flur zog er die Turnschuhe aus, schob Wagners „Lohengrin“ in den CD-Player und legte sich aufs Bett. Die Hände hinterm Kopf verschränkt musterte er die Decke: wo war er wohl jetzt, dieser Jan? – Wer war diese sonderbare Frau? Philipp holte den Bierdeckel aus seinem Rucksack und las die Telefonnummer, die mit den Ziffern 61 begann. Kreuzberg 36? Seltsam, so sah sie gar nicht aus, dachte er laut vor sich hin, bevor er sich wieder auf das Bett legte und mit dem Bierdeckel in der Hand spielte.

Als er am nächsten Morgen, oder eigentlich Mittag, aufwachte, ließ er die vergangene Nacht Revue passieren: Tanzen, zwei, drei Flirts und weiter nichts, niemand. Er war alleine nach Hause gefahren und sofort eingeschlafen. Nun ging er zum Fenster und zog die Vorhänge auf. Es regnete. Kein Frühstück auf dem Balkon! Er zog die Vorhänge wieder zu und legte sich ins Bett, konnte aber nicht mehr schlafen. Womit beschäftigt man sich an einem solchen Sonntag in Berlin? Fahrradfahren machte keinen Spaß, die Museen waren voll und ausgehen konnte man erst abends. Philipp hatte wenige Freunde, mit denen er sich treffen könnte. Lesen? – keine Lust. Lernen? – erst recht nicht. Schließlich fiel sein Blick auf den Bierdeckel, den er auf dem kleinen Tisch im Flur abgelegt hatte. Er wählte Astrids Nummer. Sie meldete sich nicht, kein Band.

Eine Viertelstunde später rief sie zurück. „Philipp, leider hab’ ich heute keine Zeit, und außerdem regnet es. Aber vielleicht können wir uns am nächsten Sonntag sehen? Du kommst mich besuchen, und wir trinken Kaffee im sonnigen Garten?“

„Ja, gerne“, hatte er spontan und freudig erwidert, obwohl er sich weder erklären konnte, woher sie seine Nummer kannte, noch, warum das Wetter am nächsten Sonntag sonnig sein würde. Und überhaupt: Wie sollte er so genau wissen, mit wem er sich eine Woche später treffen wollen würde? Das war ja noch so weit weg, und er konnte doch an diesem Regentag nichts mit sich anfangen.

Jetzt war die Woche vorbei, schien tatsächlich die Sonne, und Astrid erzählte ihm in ihrem Garten von Magie!

„Das heißt?“ fragte er auf ihre überraschende Offenbarung unsicher, da er sah, dass sie weder scherzte noch verrückt schien.

„Das heißt, dass ich eine weise Frau bin, eine Magierin, und Dinge wirken kann, die vielen unerklärlich scheinen.“ Sie betrachtete den sprachlosen Philipp, fand ihre Souveränität wieder und fuhr fast vergnügt fort: „Früher hätte man mich vielleicht eine Hexe genannt. Doch da ich weder eine Teufelsbuhlin bin noch nachts auf dem Besen reite, ziehe ich den Begriff Magierin vor. Er klingt nicht so negativ, und es gibt eine weibliche und eine männliche Form, ist also gendergerecht.“

„Aber was genau sind Magier?“ wollte Philipp wissen. „Ich hab nur ein diffuses Bild im Kopf: Harry Potter, Gandalf, Merlin und so.“

Astrid strich sich wieder eine Locke aus der Stirn. „Ja, über Magier wird leider viel Unsinn geschrieben. Das war schon immer so – wenn überhaupt etwas über sie geschrieben wurde. Besonders ärgert mich, dass Magie meist in längst vergangene Zeiten, auf ‚Mittelerde’, ferne Galaxien oder Parallelwelten mit eigenen magischen Stadtteilen und Internaten verbannt wird. Magier nehmen aber – auch heute noch – am normalen Leben teil, verwenden keine Eulen-, sondern Briefpost, Telefon und Internet – nun, manchmal auch Telepathie. Sie reisen nicht durch Kamine oder auf Besenstielen, sondern mit dem Zug, dem Auto oder dem Flugzeug – meistens jedenfalls.“

„Dann gibt es auch keine Zeitungen und Bücher mit winkenden Zauberern?“ fragte Philipp belustigt. „Aber doch wenigstens Zaubersprüche und Zauberstäbe?“ Ohne diese Utensilien erschien Philipp ein Zauberer unvorstellbar.

Astrid musste lachen. „Nein, Zauberstäbe und Zaubersprüche sind ebenso wie Karten, Glaskugeln, Steine und andere Hilfsmittel an sich wirkungslos. Allerdings können sie helfen, die Konzentration des Magiers zu erhöhen. Und Konzentration ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für Magie – wie für jede andere Tätigkeit.“

Philipp schaute sie fragend an.

„Stell dir Sonnenlicht vor, das durch eine Lupe gebündelt wird. Es erzeugt punktuell eine große Licht- und Wärmeenergie, während der normale Sonnenschein eine große Fläche mit geringerer Intensität beleuchtet und wärmt. Menschen verschwenden ihre Energien meist durch wahllose und breite Streuung. Sie konzentrieren sich nicht auf eine hier und heute wichtige Sache, sondern machen alles Mögliche gleichzeitig und beschäftigen sich außerdem mit den Problemen von morgen und den Fehlern von gestern. Dagegen basieren asiatische Kampfsportarten auf dem Prinzip der zeitlich und räumlich konzentrierten Energie. Im Grunde muss natürlich jeder Spitzensportler so arbeiten. Seine Energie auf einen Punkt auszurichten, stellt besonders im Alltag eine hohe Kunst dar, die viel Übung verlangt. Viele scheitern daran, dass sie zu viele Probleme im Kopf haben und nicht erkennen, ob etwas wichtig oder unwichtig ist, warten kann oder eilt, man etwas hinnehmen muss oder ändern kann. Andere verkrampfen sich, weil sie etwas erzwingen wollen. Sie laufen mit dem Kopf gegen die Wand, statt ein Loch zu bohren.“

Philipp verstand. Doch es klang leichter gesagt als getan. „Mit einer perfekten Konzentration kann man magisch wirken?“

„Nein, so einfach ist es glücklicherweise nicht. Das würde uns Magierfamilien ja entwerten“, antwortete Astrid in einer Mischung von Stolz und Selbstironie. „Magier nutzen zwar manche Kräfte, die alle Men¬schen entwickeln können. Und die Grenzen bleiben fließend. Was dem einen schon magisch erscheint, hält der andere noch für erklärbar, wenn auch ungewöhnlich. Während einige normale Menschen magische Qualitäten und Techniken entwickeln, wissen manche Magier nicht einmal um ihre besonderen Fähigkeiten, erfahren sie vielleicht nie, da es in unserer Gesellschaft keine magische Kultur mehr gibt. Sie werden nicht mehr zur Magie erzogen. Selbst wenn sie zufällig im Alltag auf eine ungewöhnliche Fähigkeit stoßen, ignorieren sie sie oder finden eine plausible ‚natürliche’ Erklärung. Denn Magie weist man leider nur noch dem Reich der alten oder neuen Märchen zu und nennt das dann ,Fantasy’! Wer sie nicht von seinen Eltern erlernt, in sich mächtig spürt oder sehr deutlich auf sie aufmerksam wird, übersieht sie einfach.“

„Vielleicht bin ich auch ein Magier und weiß es nur noch nicht?“ fragte Philipp neugierig.

„Du bist ein kluger junger Mann und kannst gewiss viel Sinnvolles aus dem Reich der Magie lernen, aber magisch bist du nicht. Das hätte ich wohl bemerkt.“

„Schade! – Und du, wurdest du von deinen Eltern zur Magie erzogen?“

„Ja, glücklicherweise wird diese Tradition in unserer Familie zumindest in bescheidenem Umfang wieder gepflegt.“

„Doch was ist Magie überhaupt? Bisher weiß ich nur, dass sie nicht so funktioniert wie bei Harry Potter und seltsam gebraute Getränke, Sprüche und Stäbe aus Eibe, Stechpalme oder Holunder keine eigenständige Bedeutung haben.“

„Vielleicht erklär’ ich es dir so: Magie meint Kräfte, die durchaus sinnlich erfahrbar und Teil unserer Welt und Natur sind, aber mit naturwissenschaftlichen Methoden nicht erklärt werden können. Sie ist also weder ‚übersinnlich’ noch ‚metaphysisch’ und der sogenannten ,aufgeklärten’ Menschheit nur deshalb so fremd, weil sie seit fünfhundert Jahren nur noch an den Teil der Welt glaubt, den sie erklären kann. Was sie nicht versteht, gibt es auch nicht. Die Natur, besonders die Natur des Menschen, ist jedoch so viel reicher und stärker als das, was wir mit dem Skalpell freilegen, in Atome spalten oder dessen DNA wir analysieren können. Und damit meine ich nicht eine unsterbliche Seele, sondern viele praktische Fähigkeiten, die wir in uns tragen, deren Gebrauch wir leider jedoch verlernt haben. Vielleicht dämmert das der Menschheit jetzt, und sie orientiert sich bald wieder stärker an inneren Kräften.“

„Gut, aber was ist das Außergewöhnliche an Magiern?“

„Du kennst doch sicher Menschen, die besonders wahrgenommen werden, nach denen man sich umblickt, wenn sie den Raum betreten, deren Erzählungen man gebannt lauscht, mit denen man lacht, wenn sie einen Witz erzählen, selbst wenn er vielleicht gar nicht so witzig war. Das nennt man Charisma, und das ist Magie. Macht hat auch etwas mit Magie zu tun. Liebe ist eine magische Energie. Besonders schön finde ich das Wort Charme, das ja eigentlich nichts anderes als Zauber bedeutet. Bei vielen dieser Kräfte handelt es sich nicht einfach um Eigenschaften, die man hat oder nicht hat. Sie können entwickelt und vom Weisen bewusst eingesetzt und genutzt werden. Wer Charisma ausstrahlt, wird wahrgenommen, das Mauerblümchen übersehen. Der Magier kann genauso gut präsent und einnehmend wirken wie unscheinbar, unbemerkt, unsichtbar. Niemand wird sich dann später erinnern, dass er sich in der Gruppe oder auf der Party aufhielt. Unsichtbarkeit ist nicht nur für den Dieb manchmal ein Vorteil!“

Philipp nickte zum Zeichen des Verständnisses und gleichzeitig etwas enttäuscht. Es klang plausibel, nachvollziehbar, aber nicht gerade spektakulär.

„Das Schöne an Magie ist, dass die anderen sie meistens nicht sehen, nicht sehen wollen. Man kann offen zaubern, ohne dass es jemandem auffällt. Du wusstest zum Beispiel genau, dass in unseren Breiten weder Oleander noch Agaven ungeschützt im Garten wachsen. Und doch hast du dich mit meinen Erklärungen schließlich abgefunden und den Kuchen gegessen.“

„Ach ja, richtig! Mit Charisma oder Liebe alleine überwintern deine Oleander sicher nicht!“ Philipp triumphierte, da er endlich ein außergewöhnliches Kunststück entdeckt hatte, das in seine Vorstellung von Magie passte.

Astrid schmunzelte. „Zugegeben, mein Mikroklima erfordert weitere Magie, die nicht so alltäglich erscheint.“

„Das heißt?“ So schnell würde sich Philipp jetzt nicht zufrieden geben.

„Ich beeinflusse die Umgebungstemperatur ein wenig. Aber nur wenn’s nötig ist,“ fügte sie schnell und ein wenig entschuldigend hinzu, da sie fürchtete, dass ein solcher Zauber in Zeiten des Klimawandels political incorrect wirken könnte.

„Du beeinflusst die Temperatur?“ Jetzt war Philipp wirklich neugierig geworden. Das klang doch viel konkreter und spannender als ihre allgemeinen Erläuterungen.

„Ja, ich schütze bei Frost meinen Garten durch ein Dach.“

„Ach so“, meinte Philipp wieder enttäuscht, „kein Zauber?“

„Na ja, das Dach hat vielleicht eine andere Beschaffenheit, als du sie bei einem Dach erwartest. Es besteht nicht aus fester Materie.“

„Sondern?“

„Stell dir eine stabile Luftschicht vor, die nicht durch kalte Luft von außen oder warme von innen durchdrungen wird. Wie ein Gewächshausdach, aber eben nicht aus Glas.“

„Und wie machst das?“

„Eigentlich ganz simpel: Ich stell es mir selbst so vor, wie ich es dir beschrieben habe, und will es. Man braucht Vorstellungskraft, Fantasie, und muss den Willen zu ihrer Umsetzung und mit ihm seine Energien konzentrieren. Dabei darf man sich nicht verkrampfen, besonders bei den ersten Versuchen. Doch am schwierigsten ist die Dauerhaftigkeit über den Zeitraum des magischen Gedankens hinaus. Ich kann ja nicht immer nur an das Gartendach denken, damit es bestehen bleibt und sich nicht auflöst. Schließlich habe ich hin und wieder etwas anderes zu tun. Gerade wenn ich schlafe, also nicht an den Garten denke, kann es ja sehr kalt und ein Dach notwendig werden. Der Zauber muss in dieser Zeit natürlich weiterwirken. Es ist außerdem sehr schwierig, an einem Ort magisch zu wirken, an dem man sich selbst nicht aufhält. Man benötigt in diesem Fall schon sehr genaue Vorstellungen von diesem Ort, um seine Energie nicht ins Leere zu lenken. – Du siehst, auch in der Magie haben wir unsere Schwierigkeiten mit Raum und Zeit.“

„Aber wie funktioniert das mit dem Dach? Ich meine, ich kann es mir physikalisch nicht vorstellen.“

„Das sollst du ja gar nicht! Physik ist das Ende der Magie. Oder umgekehrt: Magie fängt da an, wo die Naturwissenschaften aufhören. Wir müssen die Wirkungsweise der Magie nicht verstehen oder erklären können. Die Hauptsache ist doch, dass sie wirkt, und dass wir wissen, wie wir diese Wirkung erzielen können. Wenn wir nur noch an das glauben, was wir naturwissenschaftlich nachvollziehen können, verlieren wir den Zauber in der Welt! Das ist ja unser Problem. Wir sollten uns damit zufrieden geben und daran freuen, dass hier Oleanderbäume blühen, weil ich sie wirksam vor Frost schütze. Muss ich wissen und dir erklären können, wie das funktioniert?

Mein Herz schlägt, ohne dass ich wissen muss, wie und warum sich der Muskel zusammenzieht; ich rede, ohne die technischen Zusammenhänge von Stimmbändern und Resonanzräumen zu verstehen; ich schlage einen Nagel in die Wand, ohne dass ich die Abläufe zwischen Gehirn, Nerven, Sehnen und Muskeln kenne. Nur weil wir dies heute alles zufriedenstellend mithilfe der Wissenschaften erklären können, heißt das nicht, dass das Funktionieren von der Möglichkeit einer Erklärung abhängt. Naturwissenschaften bieten nur Modelle, mit denen wir vieles von dem verstehen können, was uns umgibt. Sie helfen uns bei technischen Entwicklungen. Sie sind nützlich. Aber sie bilden eben nur ein vereinfachtes Bild der Wirklichkeit ab und nicht sie selbst. Wenn man diese Abbilder für vollkommen hält, bleibt für Magie freilich kein Raum. Fantasie ist die Partnerin der Magie, nicht Wissenschaft!“

„Aber irgendwann“, beharrte Philipp, „wird man auch physikalisch erklären können, wie dein Gartendach funktioniert?“

„Vielleicht, vielleicht auch nicht. Das ist nicht wichtig. Wichtiger ist es, die Kräfte zu akzeptieren, zu entwickeln und zu nutzen. Wird man je erklären können, wollen, wie die Liebe funktioniert?“

„Besser nicht“, antwortete Philipp nach kurzem Nachdenken und fragte anschließend: „Strengt zaubern eigentlich an? Kostet es Kraft?“

„Na klar! Wie jede andere Tätigkeit benötigt Magie Energie, über die der Magier nicht in unendlichem Maße verfügt. Sie kann sich erschöpfen, aber auch regenerieren. Wir konzentrieren uns, um die Effizienz zu erhöhen und die Ressourcen zu schonen. Doch diese Konzentration kostet ebenfalls Kraft und erfordert eine Anspannung, der eine Entspannung folgen muss wie bei jeder physischen oder geistigen Anstrengung. Wir lernen und pflegen deshalb auch die Kunst der Entspannung. Jeder Magier, und das ist nun etwas Besonderes, zieht zudem Energie aus seinem Element wie aus einer Ladestation oder aus einer Zapfsäule an der Tankstelle.“

„Cool! Das heißt, man kann unendlich Energie nutzen?“

„Im Prinzip, ja. Man kann sie aber nur begrenzt aufnehmen und braucht deshalb immer wieder Zugang zu seinem Element und Zeit zum Auftanken. Wenn man zu große Mengen magischer Energie in kurzer Zeit einsetzt, kann man vollkommen erschöpfen, alle Kraft verlieren. Daran kann ein Magier sogar sterben. Oder er braucht lange Zeit, um sich zu erholen.“

„Dann sollte man wohl sparsam zaubern.“

Astrid lächelte. „Jedenfalls sollte man seine Kräfte möglichst nicht vollkommen aufbrauchen. Doch manchmal bleibt einem keine Wahl. Es geht ja nicht nur um Schnickschnack wie das Klima im Garten. Wenn man Großes wirken muss und wenig Zeit zur Verfügung hat, kann man auf seine Ressourcen nicht immer Rücksicht nehmen“, erklärte sie gedankenvoll.

„Großes? Was meinst du?“ Philipp hatte den Stimmungswandel bemerkt.

„Na ja, eine Katastrophe verhindern oder eine herbeiführen“, erläuterte Astrid munter, „oder einen anderen Magier bekämpfen“, fügte sie dann wieder nachdenklich hinzu. – „Das muss als erste Lektion jedoch reichen“, wechselte sie schnell wieder Tonlage und Stimmung. „Möchtest du jetzt Käse und ein Glas Wein?“

Für einen Nachmittagskaffee war es recht spät geworden.

„Gerne.“ Philipp war angestrengt und deshalb dankbar für die Entspannung, wenn er auch noch viele Fragen hätte. Der Gedanke an Wein munterte ihn auf und sie unterhielten sich über französischen Käse, spanischen Wein, mediterrane Gärten und Reisen.

Als Philipp schließlich ziemlich müde sein Rad besteigen wollte, hielt ihn Astrid noch einmal zurück und sah ihm tief in die Augen. „Philipp, du weißt, dass du niemandem von mir und meinen Kräften erzählen darfst, das ist sehr wichtig.“

„Ja, klar! Das würde mir wahrscheinlich eh keiner glauben.“

„Niemandem, außer ihm.“

„Ihm?“

„Ja, ihm, du wirst es wissen, wenn es so weit ist.“



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