Man kann über die Türkei eigentlich keinen politischen Roman schreiben. Denn zu schnell holt das bunte Theater unserer Wirklichkeit jede Fantasie ein."
(Süleyman Koçu)

Café d'Europe
Politische Geschichten aus Istanbul

1. Kösem

"Genau hier begann mein Istanbulabenteuer: An diesem Tisch in der Belletage des ›Café d'Europe‹ mit Blick auf das bunte Leben der Istiklal Caddesi." Gabriel wies mit einer Bewegung des Kopfes auf eine Straßenbahn, die gerade vorbeifuhr.

Den ersten Stock des Jugendstilhauses im Istanbuler Stadtteil Beyoglu, in dessen unteren drei Etagen sich seit Jahren ein berühmtes Operncafé befand, bezeichnete er zurecht als ›Belletage‹. Denn die hohe Decke, reicher Stuck, Kristalllüster und Jugendstilmobiliar verliehen den Räumen den Glanz eines vornehmen Wiener Kaffeehauses. Osmanische Einflüsse zeigten sich in den Keramikfliesen mit ihren roten Tulpen an blauen Ranken auf weißem Grund.

"Bei meinem ersten Besuch vor einem knappen Jahr erhielt ich hier so etwas wie den Auftrag meines Lebens: Nach meinem Vortrag über den ›EU-Beitritt der Türkei als Marketingproblem‹ vor Mitgliedern der Istanbuler Handelskammer hatte mich die einflussreiche Unternehmerin Kösem Bektas zu einem Gespräch gebeten, und ich war ziemlich aufgeregt. - Noch heute erinnere ich mich genau." Nachdenklich blickte er aus dem Fenster.

"Es war an einem Freitag Nachmittag, Mitte Februar, Viertel nach fünf, und hatte gerade aufgehört zu schneien. Kösem, die ich vorher nicht kannte, kam verspätet zu unserem Treffen. Der Auftritt der eleganten, zierlichen und doch energischen Frau, Anfang vierzig, beeindruckte mich tief. Sie sah gut aus, hatte lange blonde, leicht aufgehellte Haare, dunkle Augen und eine etwas große Nase. Sie trug ein cremefarbenes Kostüm und für einen Nachmittag auffälligen Goldschmuck mit je einem großen Diamanten am Hals und am Ringfinger der linken Hand.

Sie begrüßte mich mit ein paar deutschen Worten, lachte dann und wechselte ins Englische. "Entschuldigen Sie. Mein Deutsch ist leider nicht mehr sehr gut. Ich muss mich heute dafür schämen, dass ich den deutschen Zweig des Istanbul Lisesi besucht habe. Ich sprach Ihre Sprache fließend, damals. Doch seit meinem Studium in den USA rostet sie leider vor sich hin. Ich habe so wenig Gelegenheit."

Wir tranken Tee aus feinem weißen Porzellan und plauderten wohl eine halbe Stunde über Istanbul, mein Hotel und das ungewöhnliche Winterwetter, bevor wir auf den Anlass unseres Treffens zu sprechen kamen und das Thema meines Vortrags erörterten.

"Maria Callas!" unterbrach sie schon nach wenigen Minuten und lauschte einer Puccini-Arie, die leise aber eindringlich aus den in den Wänden eingelassenen Lautsprechern erklang. "Wissen Sie, Gabriel" - sie redete mich mit meinem Vornamen an, den sie unserer Unterhaltung entsprechend englisch aussprach - "mein Vater betete die Callas an. Er hatte zahllose Aufnahmen von ihr, sie sogar zweimal in der ›Scala‹ erlebt und zeitlebens von ihr geschwärmt. Er schenkte die Karten ganz stolz meiner Mutter und behauptete beide Male, sie würden jetzt ihre Hochzeitsreise nachholen."

"Wirklich romantisch", kommentierte ich mit einer Spur von Neid, da ich auf eine solche Idee nie gekommen und längst geschieden war.

"Ja", erwiderte sie zögernd und lächelte in sich hinein. "Nur begeisterte sich meine bodenständige Mutter leider weder für Opern noch für unnütze Ausgaben. Sie verdarb ihm aber nicht die Freude, nähte sich für das Ereignis ein neues Kleid und trug seit Jahren zum ersten Mal wieder den Schmuck ihrer Großmutter. Zu jener Zeit hatten sie noch wenig Geld, und Opernkarten und Bahnfahrt nach Mailand müssen ein kleines Vermögen gekostet haben, das sich mein Vater irgendwie zusammen gespart hatte, ohne dass es meine Mutter merkte. Ja, damals ist man noch mit der Bahn gefahren, durch Jugoslawien. Sich selbst hat mein Vater jedenfalls die Freude seines Lebens bereitet. Meine Mutter lästerte liebevoll, dass er so aufgeregt war, als ob er selbst auf der Bühne stünde und nicht im Zuschauerraum säße. Sie haben 1957 Verdis ›Ballo in Maschera‹ und 1958 ›Anna Bolena‹ von Donizetti gehört. Er hat uns sicher ein Dutzend Mal die Handlung und Sänger der Opern erklärt. Das hat mir als Kind natürlich nicht viel gesagt, und außer den Titeln habe ich mir nichts gemerkt. Doch vor kurzem fiel mir das Programm der ersten Aufführung in die Hände."

Sie schaute von ihrer Tasse, die sie zwischenzeitlich gedankenverloren betrachtet hatte, wieder zu mir herüber. "Entschuldigung, ich bin vom Thema abgekommen. Ich hoffe, ich langweile Sie nicht?"

"Nein, gar nicht!" verneinte ich höflich.

"Sie müssen versuchen, das zu verstehen. Vielleicht waren ihm diese beiden Aufführungen wichtiger als alles, was er vor- oder nachher erlebte oder schuf, selbst mehr als der Konzern, den er aufbaute. ›Was nutzt mir das viele Geld? Die Callas ist ja tot!‹ sagte er später manchmal halb scherzhaft, wenn er auf sein Vermögen angesprochen wurde."

Ich nickte freundlich, um meinen Respekt für ihren Vater und seine sympathische Schwäche für Opern zu bezeugen, interessierte mich selbst allerdings wenig für diese Musik. Vielleicht wollte mich Kösem mit der Geschichte beeindrucken. Mir war bekannt, dass sich Teile des türkischen Bürgertums in unserer abendländischen Kultur besser auskennen als viele Westeuropäer - wie ich. Mein Assistent Kadir, der selbst aus einem bürgerlich-intellektuellen Istanbuler Elternhaus stammt und in Berlin studierte, hatte mich auf meinen Besuch gut vorbereitet. Wohl nicht zufällig hatte mich Kösem zu unserem Gespräch über den türkischen EU-Beitritt ins ›Café d'Europe‹ eingeladen: Es trug das Ziel schon im Namen, verkörperte mit seinem Musikprogramm die europäische Kulturtradition und lag im europäischsten Viertel dieser Stadt. Doch vielleicht mochte sie dieses Café auch einfach, das sie offensichtlich nicht zum ersten Mal besuchte.

Jetzt lächelte sie wieder, mehr in sich hinein als zu mir, lauschte der Musik und lehnte sich leicht zurück, indem sie die Beine übereinander schlug und die Hände in den Schoß legte. "Musik ist für mich die beste Entspannung. Wenn ich erschöpft und müde bin, schenke ich mir ein Glas Rotwein ein und höre Musik; Musik, die meiner Stimmung entspricht, nichts Heiteres, sondern etwas Schönes, Gefühlvolles, vielleicht Melancholisches, manchmal Dramatisches. Dabei erhole ich mich. Kennen Sie das?"

"Leider nein." Ich schüttelte bedauernd den Kopf, da ich zu meiner Entspannung meist Rotwein mit Fernsehen kombinierte.

"Ich liebe dieses Café und verabrede mich gern hier, um den kühlen und gläsernen Büros zu entkommen", fuhr Kösem dennoch fort. "Natürlich kann man nicht wirklich gleichzeitig Opernarien hören und über Geschäfte plaudern. Manchen gilt es schon als Sakrileg, Arien aus dem Kontext ihrer Oper zu schneiden, erst recht, dabei zu reden. Doch für mich sind diese Ausschnitte Andeutungen eines bekannten Stücks, Erinnerungen, kreativer Hintergrund für fast alles, was ich mache, selbst für meine Arbeit im Büro. Unterhaltungen in Konzerten und während Opernaufführungen hasse ich dagegen, schon aus Respekt vor den Künstlern. Auf den Tod nicht leiden kann ich geschmäcklerische Arrangements für Klavier und Panflöte, oder Potpourris, die einem klassischen Stück die Melodie entreißen und als weichgespülte Musik Restaurants und Hotellobbys durchströmen. Es gibt doch weiß Gott für solche Gelegenheiten genug gefällige Musik, die jeder mit pfeifen kann."

Ich nickte bestätigend, ohne ihr Problem genau zu verstehen.

Dann beugte sich Kösem wieder etwas vor, angespannt, und kam überraschend offensiv auf meinen Vortrag zurück: "Was haben Sie eigentlich gegen Kemal Atatürk?"

"Ich habe nichts gegen ihn. Meines Wissens war er ein kluger und für die türkische Entwicklung wichtiger Staatsmann. Ich halte allerdings einiges von dem für falsch, was aus ihm später gemacht wurde, zumindest aus Marketingsicht. Die derzeitigen Bürger der Europäischen Union schreckt Personenkult ab, denn wir verbinden mit ihm vor allem Hitler, Stalin, Mussolini und Franco. Diese haben sich allerdings zu ihren Lebzeiten selbst inszeniert, während Mustafa Kemal noch viele Jahrzehnte nach seinem Tod von anderen inszeniert wird, die sich auf sein Erbe berufen. Ob allerdings jede Entscheidung, die die sogenannten Kemalisten in seinem Namen treffen, von ihm gebilligt würde, bezweifle ich. Doch das ist meine persönliche Meinung."

"Und was empfehlen Sie?"

"Ich kann natürlich keine politischen Empfehlungen geben. Doch wenn sich die Türkei der EU gut verkaufen will, muss Sie sich schmücken, und zwar so, wie wir sie gerne sehen, und das wissen westeuropäische Fachleute besser als Ihre staatlichen Öffentlichkeitsarbeiter. Das heißt nicht, dass die Türkei wie Deutschland oder Frankreich aussehen sollte. Ein wenig ›orientalisch‹ darf die Braut schon sein, das macht neugierig und bereichert unser europäisches Erbe."

"Aber?"

"Aber ›ein wenig orientalisch‹ meint für mich als Werber nicht Militärputsch, Personenkult, Kopftücher, religiöser Fanatismus, Mengen großer roter Fahnen mit weißem Halbmond, Diskriminierung von Minderheiten und Militäreinsätze in Nachbarländern. All das mögen wir nicht."

"Das kann ich verstehen, das mag ich auch nicht."

...und es schadet der Wirtschaft, ergänzte ich in Gedanken ihren Satz.

Sie beugte sich noch ein wenig weiter über den Tisch und stellte die entscheidende Frage: "Gabriel, hätten Sie Lust, eine Kampagne für uns zu machen?"

Mein Herz klopfte, und ich war aufgeregt wie ein kleiner Junge. ›Kampagne‹ konnte theoretisch alles Mögliche sein, doch ich ahnte, dass sie einen großen und prestigeträchtigen Auftrag, den Auftrag meinte. Plötzlich konnte es so schnell gehen!


Für die Türkei interessierte ich mich schon seit meiner Jugend. Ich hatte Istanbul mehrfach besucht und schließlich über einen türkischstämmigen Berliner Unternehmer die Einladung zum Wirtschaftstag der hiesigen Handelskammer organisiert. Mein Vortrag zum türkischen EU-Beitritt war gründlich vorbereitet: klar, unterhaltsam, provokativ. Er musste beeindruckt haben. Vielleicht befand ich mich auch zur richtigen Zeit am richtigen Ort, um einen überfälligen Vorschlag zu machen, denn das Marketing-Problem der Türkei erschien mir offenkundig. Es hatte sich ihm aus mir unerfindlichen Gründen nur noch niemand strategisch angenommen.


Ich nickte langsam zum Zeichen des Einverständnisses - und um mehr zu erfahren.

"Sie kennen unser Problem. Wir wollen der EU beitreten, doch wissen wir nicht so recht, wie wir uns darstellen, ›schmücken‹ sollen, wie Sie so schön sagten. Wir möchten eine Marketingkampagne in Auftrag geben, die in den Mitgliedstaaten der EU für die Türkei wirbt. Unsere eigene Öffentlichkeitsarbeit ist, wie Sie ebenfalls feststellen, auf ein türkisches Publikum ausgerichtet und kommt ohne Atatürk und nationale Symbole wie Fahnen und Landkarten nicht aus. Wir benötigen den Rat eines externen Profis, der weiß, wie man in der EU denkt, die Türkei aus dieser Sicht betrachtet und sie gleichzeitig versteht - na ja einigermaßen zumindest."

›Wer kann die Türkei überhaupt verstehen?‹ hätte ich fast gefragt. Doch statt dessen stellte ich die pragmatischere Frage: "Und wer ist ›wir‹?"

"Sagen wir einmal ›wir‹ sind ein Konsortium einiger türkischer Unternehmen außerhalb der Verbandsstrukturen."

"Und diese private Initiative vergibt einen Auftrag zur Bewerbung der Türkischen Republik?"

Kösem lächelte. "So etwas kann man hier leichter privat organisieren. Allerdings haben wir uns selbstverständlich der zustimmenden Unterstützung der Regierung versichert. Sie müssen Ihr Konzept nur noch einer kleinen Gruppe von Vertretern einiger Ministerien und des Konsortiums vorstellen, reine Formsache."

Ohne die Zustimmung der politischen Spitzen hätte ich erst gar nicht mit der Arbeit beginnen können. Nach dem Einverständnis des Nationalen Sicherheitsrats fragte ich nicht, erfuhr aber später, dass selbstverständlich auch dieses grundsätzlich vorlag. Offensichtlich waren lange und komplizierte Verhandlungen unserem informellen Gespräch vorausgegangen. Die Beziehungen der einflussreichen türkischen Unternehmerfamilien funktionierten sicher besser als die der deutschen Unternehmerverbände, unabhängig von den jeweiligen politischen Rahmenbedingungen.

"Tamam", stimmte ich einfach zu und nickte mit dem Kopf, ohne weiter zu überlegen und nach irgendwelchen Details wie Honorar oder Arbeitsbedingungen zu fragen. Und schon hatte ich den wichtigsten und schwierigsten Auftrag meines Lebens übernommen.

Mein Vertrauen, vielleicht sollte ich besser von Naivität sprechen, wurde zumindest in materieller Hinsicht nicht enttäuscht. Der Auftrag steigerte nicht nur das Prestige meiner kleinen Agentur, die bald nicht mehr ganz so klein sein würde, sondern auch meine Umsätze ganz erheblich. Büroräume im Swissôtel mit Blick über die Stadt und ein weiteres Büro in Ankara wurden ebenso wie eine geräumige Wohnung unterhalb des Galata-Turms von meinen Auftraggebern gestellt, die einen Umzug aus Berlin an den Bosporus für selbstverständlich hielten. Wenn mir schon damals Komplexität, Risiken und politische Grenzen dieser Aufgabe klarer gewesen wären, hätte ich wahrscheinlich länger gezögert, doch letztlich ebenfalls angenommen; und selbst heute - nach diesen Erfahrungen, nach den ›schwarzen Dämonen‹ und dem wiederholten Einsatz des Todesengels Azrail in meiner Nähe - würde ich wohl nicht anders entscheiden, nun jedoch weniger aus Ehrgeiz denn aus Neugier.


"Ein Glas Champagner?" fragte Kösem munter.

Nach einem fast unsichtbaren Wink trat ein Kellner mit zwei Gläsern an unseren Tisch. Abmachungen in vornehmen türkischen Kreisen werden offenbar mit edlem Schaumwein besiegelt, nicht mit einem Stück Papier oder einem ›männlichen‹ Händedruck. Oder entsprach dies Kösems ganz persönlichem Stil?

"Ja, gern - serefe!" toastete ich ihr zu.

"Serefe!"

Nach einem Moment des lauschenden Schweigens sprach sie auf Deutsch vor sich hin: "Euch teure Hallen grüß ich wieder! - Der Auftritt der Elisabeth im Tannhäuser", ergänzte sie amüsiert. "Singt sie nicht wunderbar?"

Nun schien die Sonne auf die Istiklal.


Ihr Studium in Harvard hatte Kösem Bektas exzellent mit einem Master of Business Administration abgeschlossen und war dann wie ihre Brüder in das Familienimperium eingetreten. Wie zuvor auf der Universität zeigte sie sich auch hier ehrgeiziger und erfolgreicher als ihre Geschwister, so dass Vater Tamer Bektas ihr kurz vor seinem Tod die Leitung des Konzerns übertrug, während er die Brüder mit Tochterunternehmen abfand.

Tamer hatte die Bektas-Gruppe, einen weit verzweigten typisch türkischen Familienkonzern, aus der von seinem Vater übernommenen Tuchfabrik aufgebaut. Längst produzierte er die Stoffe nicht mehr hier am Bosporus sondern in Fernost und Ostanatolien, um dann in Istanbul modische Damen- und Herrenbekleidung nach den Entwürfen bekannter türkischer Designer anfertigen zu lassen. Selbst für unsere Verhältnisse sind diese Produkte keineswegs günstig und in der Türkei gelten sie als Luxus. Bektas-Unternehmen in ganz Europa stellen neben Mode auch Gebrauchstextilien und Spezialfasern für Berufs- und Sportbekleidung her. Inzwischen gehören außer der Textilproduktion eine große Spedition nebst Reederei und ein Handelshaus zum Portefeuille des Mischkonzerns. Alle rund siebzig Bektas-Unternehmen erwirtschaften einen Jahresumsatz von neun Milliarden Euro und beschäftigen mehr als fünfzigtausend Mitarbeiter! Schließlich finanziert die Familie eine soziale Stiftung und eine öffentlich zugängliche Kunstsammlung. Diese Machtfülle in einer so zarten Person wie Kösem verkörpert zu sehen, faszinierte mich sehr, kannte ich doch bisher nur eine Wirtschaftswelt der von männlichen Managern geführten Aktiengesellschaften.


Dabei hatte dieser Istanbulbesuch eher düster begonnen. Es war in jenem Spätwinter, in dem die glorreiche türkische Armee auf der Suche nach PKK-Terroristen unbefristet für kurze Zeit in den Nordirak einmarschierte, um sich von der transsexuellen Pop-Diva Bülent Ersoy in der beliebten Fernsehshow ›Popstar Alaturka‹ öffentlich kritisieren zu lassen, in jenem Winter, in dem Generalstaatsanwalt Yalcinkaya ein Verbotsverfahren gegen die regierende islamische AKP einleitete, während ein anderer Generalstaatsanwalt mehrere ultranationale Repräsentanten der türkischen Gesellschaft wegen Beteiligung an der nationalistischen Untergrundorganisation ›Ergenekon‹ verhaften ließ, unter ihnen immerhin den Vorsitzenden der oppositionellen Arbeiterpartei IP, den Chefredakteur der auflagenstarken Tageszeitung Cumhuriyet und den früheren Rektor der Universität Istanbul.

Im selben Spätwinter fegte ein ungewöhnlich ergiebiger Schneesturm über Istanbul. Und mit diesem Sturm landete ich in der Stadt, aufgrund der widrigen Wetterbedingungen mit zwei Stunden Verspätung. Der Anflug durch dunkle Wolken und heftige Böen bleibt mir als recht ungemütlich in Erinnerung. Weiße Wellen brachen sich im letzten Tageslicht auf einem fast schwarzen Marmara-Meer, gegen das sich der Flieger unangenehm stark neigte. Die Stadt empfing mich mit Schneetreiben. Ich hatte Verspätung, die Autos fuhren langsam, nicht nur auf den steilen Straßen Beyoglus, und die Fußgänger auf der Istiklal schoben sich mühsam gegen Schnee und Wind.

Einige türkische Autoren mögen und beschreiben Istanbul mit Vorliebe bei Schneefall und Regen wegen der dann besonders auffälligen Melancholie, einer Melancholie, die dem Niedergang der einst reichen und mächtigen Hauptstadt des Osmanischen Reichs und der schicksalhaften Perspektivlosigkeit ihrer heutigen Bewohner entspringen soll. Doch als bornierter Deutscher mit seinen mediterranen Sehnsüchten liebe ich Istanbul doch eher bei Sonnenschein und angenehmen Temperaturen, möglichst im Frühsommer oder zu Beginn des Herbstes.

Da ich erst am Sonntagnachmittag nach Berlin zurückfliegen würde, nutzte ich das Wochenende nach meinem folgenreichen Gespräch im ›Café d'Europe‹ für einen winterlichen Spaziergang und stapfte durch den Schnee, der bis zu dreißig Zentimeter hoch lag, wenn er nicht bereits zu Eis verdichtet oder zu matschigen Pfützen geschmolzen war. Der Spaziergang erwies sich jedoch als recht risikoreich. Denn gefährlicher als die abschüssigen, rutschigen Gässchen waren die steilen Treppen mit ihren kantenlosen, ohnehin leicht abschüssigen Stufen.

Auf den gusseisernen Gartentischen und -stühlen der Tünel-Passage lagen am nächsten Morgen noch unberührt hohe weiße Hauben. In der Altstadt nahe der Sultanahmet Moschee bauten Jugendliche einen riesigen Schneemann und freuten sich wie Kinder, als sie ihm den großen Kopf erfolgreich auf die Schultern gehoben hatten. Hier wie andernorts bewarfen sich Kinder und Jugendliche, ja selbst Männer und Frauen vergnügt mit Schneebällen.


Kösem gab mir vierzehn Tage Zeit für den Umzug nach Istanbul, um die laufenden Kampagnen und Aufträge auf meine Berliner Mitarbeiter zu verteilen, ein Team für die Türkei zu bilden und meine Sachen zu packen. In Istanbul würden außer mir und Kadir zunächst nur ein weiterer Werber aus Berlin, eine Kollegin aus unserer türkischen Partneragentur sowie eine Sekretärin arbeiten und in Ankara eine deutsch-türkische Mitarbeiterin, die die Kontakte in der Hauptstadt pflegte und mir bei meinen dortigen Aufenthalten assistierte. Mit diesem kleinen Team machten wir uns an die Arbeit, unterstützt durch eine renommierte Istanbuler Werbeagentur, die zum Konzern einer anderen am Konsortium beteiligten Familie gehörte. Ich hätte zwar gedacht, dass wir mit ein paar Reisen die Aufgabe ohne weiteres von Berlin aus erfüllen könnten, aber Kösem bezahlte gut, konnte ihre Bedingungen stellen und entschied für Istanbul.

Der Umzug fiel mir im übrigen nicht schwer, denn ich fühlte mich bereit für eine Veränderung, und in Berlin hielt mich nichts. Von meiner letzten Freundin hatte ich mich vor einem Jahr getrennt, und Elisabeth, meine geschiedene Frau, lebte in Hamburg. Wir telefonierten ab und zu, sahen uns kaum. Meine beiden Töchter, Stefanie und Rebecca, kamen gut ohne mich zurecht. Sie hatten es immer gemusst, auch damals, als sie mich eigentlich noch gebraucht hätten. Nach der Scheidung vor zehn Jahren waren sie zunächst mit Elisabeth nach Hamburg gezogen, doch nach dem Abitur kamen sie eine nach der anderen wieder nach Berlin, um an der Universität der Künste ausgerechnet Bildende Kunst zu studieren. Wir lebten in derselben Stadt, doch meldeten sie sich nur, wenn sie wieder einmal Geld brauchten. Ich finanzierte ohnehin ihr Studium und ihren Lebensunterhalt, aber es reichte halt nie für die kleinen Extras wie Reisen nach Lateinamerika oder ein Auto. Jetzt war Stefanie eine Malerin und verkaufte selten ein Bild. Rebecca hatte in der Auguststraße eine Galerie eröffnet, und in guten Monaten reichten die Verkäufe für die Miete. Da ich für meine Kinder früher keine Zeit hatte, gab ich ihnen jetzt wie damals Geld, um mein schlechtes Gewissen zu beruhigen. Das wussten sie und nutzten es aus. Ob der Erfolg meiner Agentur, die immer meine Zeit und meine Kraft erfordert hatte, den Verzicht auf ein Familienleben rechtfertigte? Oder hatte ich mich umgekehrt in Arbeit gestürzt, um nicht zuhause den Gatten und Vater mimen zu müssen?



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